Ein Warnsystem, das seine eigene Fehlerquote nicht zeigt, ist eine Meinung mit Formeln. Hier steht sie.
Diese Seite ist der Beleg hinter der Fußnote im Programm. Sie ist bewusst unbequem geschrieben: Sie nennt die Zahl, die für das Produkt spricht, und die Rechnung, die sie wieder einfängt. Wenn du nach dem Lesen weniger beeindruckt bist als vorher, hat die Seite ihren Zweck erfüllt.
Ohne diese Definition ist jede Trefferquote wertlos, weil sich der Nenner beliebig wählen lässt.
Ereignis: Ein Unternehmen senkt seine reguläre Dividende je Aktie gegenüber der vorherigen regulären Zahlung oder setzt sie aus. Sonderdividenden zählen nicht. Eine Kürzung durch eine Abspaltung, bei der die Summe aus beiden Titeln gleich bleibt, zählt ebenfalls nicht.
Treffer: Die Warnstufe stand vor dem Ereignis auf mindestens der geprüften Stufe. Nur vorher zählt — eine Warnung am Tag der Kürzung ist keine Frühwarnung.
Fehlalarm: Die Stufe stand an, das Ereignis blieb aus. Das ist ausdrücklich kein Fehler des Systems, sondern sein eingebauter Preis — mehr dazu in Abschnitt 5.
Geprüft wurde an 32 Fällen: 16 echte Dividendenkürzungen zwischen 2008 und 2024 (GE, Kraft Heinz, Wells Fargo, Shell, BP, Occidental, Boeing, Carnival, Disney, GM, Ford, Simon Property, Vornado, Dominion, Lumen, AT&T) gegen 16 Kontrollfälle, die schwere Krisen ohne Kürzung überstanden haben. Jeder Fall wurde aus zwei unabhängigen Quellen bestätigt.
Die Kontrollen sind bewusst die schwierigen: Federal Realty, Altria, Realty Income, Chevron, ExxonMobil — Titel, die zeitweise aussahen wie Kürzungskandidaten. Eine Kontrollgruppe aus unauffälligen Titeln hätte die Zahlen geschönt.
Beobachtungsfenster je Fall: die 6 bis 12 Monate vor dem Ereignis. Gemessen werden dort acht Frühindikatoren — Unterdeckung des freien Mittelzuflusses, gesenkte Prognose, Herabstufung der Bonität, Ausschüttungsquote, gestoppter Aktienrückkauf, auffällige Rendite, Verschuldungssprung und die Länge der bisherigen Zahlungsserie.
Das Testverfahren ist ein Auslassungstest: Für jeden der 32 Fälle werden die drei Schwellen ausschließlich an den übrigen 31 eingestellt, und dann wird der ausgelassene Fall vorhergesagt. Kein Fall sieht je seine eigene Kalibrierung. Das ist der Test, der Selbstbetrug am schwersten macht.
| Warnstufe | Präzision | Recall | 90-%-Bereich |
|---|---|---|---|
| Beobachten | 57 % | 100 % | 43–74 % |
| Erhöht | 71 % | 94 % | 57–88 % |
| Akut | 79 % | 94 % | 65–94 % |
Präzision: Anteil der Warnungen, denen eine Kürzung folgte. Recall: Anteil der Kürzungen, die vorher gewarnt wurden. Der 90-%-Bereich ist die Unschärfe, die bei 32 Fällen unvermeidlich bleibt.
Die Stärke liegt beim Recall: Alle 16 Kürzungen erreichten mindestens „Beobachten“, 15 von 16 sogar „Akut“. Der einzige Fall, der nur auf Beobachten kam, war AT&T 2022 — eine strategische Neuordnung nach einer Abspaltung, keine Notlage. Das ist ein erklärbarer Sonderfall und kein Zufallstreffer.
Wichtiger Vergleich, weil er das System klein macht: Eine einzige triviale Regel — „warne, wenn die Ausschüttungsquote zu hoch ist“ — erreicht 67 % Präzision bei 88 % Recall. Auf der reinen Ja-Nein-Ebene ist sie damit besser als unsere erste Stufe. Der Vorteil der Eskalation liegt woanders: Sie verpasst keine einzige Kürzung (100 % gegen 88 %) und sie schärft sich über die Stufen hinweg (57 → 71 → 79 %). Eine flache Regel kann das nicht. Als Ganzes schlägt die Leiter den billigen Konkurrenten, Stufe für Stufe nicht.
Seit dem 07.08.2026 gibt es die Messung, die der kleine Test oben nicht leisten kann. Für rund 900 US-Dividendenzahler wurde an jedem Halbjahres-Stichtag seit 2015 der damalige Wissensstand aus den Pflichtdaten rekonstruiert — nur, was zum Stichtag bereits eingereicht war, zählt. Eingestellt wurde alles an den Jahren bis 2021; geprüft wird ausschließlich an den Jahren ab 2022, die die Einstellung nie gesehen haben. Das Crash-Jahr 2020 bleibt draußen, weil es jede Quote schmeichelt.
Und weil ein Nenner sich sonst beliebig schönt: Jede einzelne Kürzung der Prüfjahre wurde von Hand nachrecherchiert und mit Belegen klassifiziert — echte Not-Kürzung, erklärt variable Ausschüttung oder strategische Neufestsetzung nach Abspaltung und Verkauf. Messfehler der Datenquelle flogen dabei auf und wurden im Scanner selbst behoben, nicht in der Statistik versteckt.
| Kürzungsart (Prüfjahre ab 2022) | Fälle | volles Signal | mind. angezeigt |
|---|---|---|---|
| Echte Not-Kürzung | 65 | 86 % | 98 % |
| Erklärt variable Ausschüttung | 35 | 63 % | 80 % |
| Strategische Neufestsetzung | 14 | 64 % | 64 % |
| Gesamt | 114 | 76 % | 89 % |
Die Zeile, auf die es ankommt, ist die erste: Von den Kürzungen, vor denen ein Frühwarnsystem schützen soll, wurden 98 Prozent vorher angezeigt. Möglich macht das seit dem 07.08.2026 auch das Gewinn-Momentum-Signal, das den Ergebnis-Einbruch und den Dauerverlust misst, die die Cashflow-Deckung nicht sieht. Die schwache dritte Zeile ist kein Versagen, sondern eine Grenze der Gattung — eine Abspaltung steht in keiner Bilanz, sie steht in der Meldung, und die meldet der Radar am Tag der Ankündigung.
Dieselbe Messung beantwortet die Frage, die jede Warnstufe erst brauchbar macht: Wie oft folgt darauf wirklich eine Kürzung? Gerechnet allein aus den Bilanzsignalen, also als Untergrenze — live kommen Gewinnwarnungen, Ratings und Meldungen dazu:
| Stufe | Kürzung binnen 6 Monaten | binnen 12 Monaten |
|---|---|---|
| Ruhig | 0,3 % | 0,7 % |
| Beobachten | 2,8 % | 4,7 % |
| Erhöht | 14 % | 22 % |
| zum Vergleich: alle Titel | 1,7 % | 2,9 % |
„Beobachten“ ist also eine Ampel, kein Alarm: gut verdoppeltes Risiko, meistens passiert trotzdem nichts. „Erhöht“ ist selten und ernst — das Achtfache der Basisrate. Für „Akut“ gibt es bewusst keine Rückwärts-Zahl: Aus Bilanzdaten allein erreicht die Stufe nur eine Handvoll Beobachtungen, sie entsteht im Betrieb erst aus Ereignissen, die sich historisch nicht rekonstruieren lassen.
Zwei Zahlen noch, die zusammengehören. Erstens der Vorlauf: Bei erkannten Kürzungen stand das Signal im Median seit 16 Monaten, bei drei von vier Fällen mindestens ein halbes Jahr. Zweitens die Kehrseite: Rund ein Fünftel aller beobachteten Zahler trägt irgendein volles Signal, ohne im Fenster zu kürzen. Beides ist derselbe Handel, denn wer 16 Monate Vorwarnzeit will, muss Titel lange in der Warnzone stehen lassen. Dass die Zone nicht leer warnt, zeigt der Nachhall: Warnungen ohne Kürzung im Fenster kürzen binnen anderthalb Jahren rund viermal so oft wie stille Titel.
Reproduzierbar als Messläufe der Testsuite (src/lib/__tests__/messung-*.test.ts); die Einzelfall- Klassifikation aller Kürzungen liegt mit Belegen unter unterlagen/KUERZUNGS-KLASSIFIKATION-2026-08.json. Die Rohdaten sind dieselben amtlichen Pflichtmeldungen, die auch der Livebetrieb liest.
Die 79 % oben bedeuten nicht, dass ein akut gewarnter Titel zu 79 % kürzt. Wer das so liest, überschätzt sein Risiko um ein Vielfaches.
Der Grund: Im Test standen 16 Kürzer gegen 16 Kontrollen, also eine Grundrate von 50 %. In der Wirklichkeit kürzen pro Jahr nur wenige Prozent der etablierten Dividendenzahler. Diese Verwechslung hat einen Namen — Grundraten-Fehler — und sie ist der häufigste Weg, wie Warnsysteme zu viel versprechen.
Sauber umgerechnet sieht es so aus. Aus Präzision und Recall lässt sich zurückrechnen, um welchen Faktor eine Warnung die Erwartung verschiebt. Dieser Faktor lässt sich dann auf jede Grundrate anwenden:
| Warnstufe | Faktor | bei 2 % | bei 5 % | bei 10 % |
|---|---|---|---|---|
| Beobachten | 1,3× | 2,6 % | 6,5 % | 12,8 % |
| Erhöht | 2,4× | 4,8 % | 11,4 % | 21,4 % |
| Akut | 3,8× | 7,1 % | 16,5 % | 29,5 % |
Drei Grundraten stehen da, weil die wahre Quote nicht feststeht: In ruhigen Jahren liegt sie am unteren Rand, 2020 lag sie weit darüber. Such dir die Spalte aus, die zu deinem Marktbild passt.
Was daraus folgt, ist das ehrliche Verkaufsargument: Ein akutes Signal verschiebt die Erwartung ungefähr um das Vierfache. Das ist ein belastbarer Hinweis und ein guter Grund, sich den Titel anzusehen. Es ist keine Vorhersage. In der Mehrzahl der Fälle kürzt auch ein akut gewarnter Titel nicht. Nachrechnen kannst du das mit scanner/backtest/grundrate.mjs.
Stell die Zahl selbst ein. Wähle ein Marktumfeld und eine Warnstufe — die Figuren zeigen, wie viele von 100 Titeln in dieser Lage übers Jahr tatsächlich kürzen.
7,1 von 100 Titeln mit Stufe „Akut" kürzen übers Jahr — statt 2 von 100 ohne Warnung. Die Warnung verschiebt die Erwartung um das 3,8-Fache.
Das ist die ehrliche Lesart der Trefferquote: Eine Warnung ist ein Grund hinzusehen, keine Vorhersage. Auch ein akut gewarnter Titel kürzt in der Mehrzahl der Fälle nicht. Zahlen exakt aus der Tabelle oben, nachrechenbar mit grundrate.mjs.
Die Präzision der obersten Stufe liegt bei 79 % und nicht bei 95 %. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern eine Grenze der Daten. In einem systemischen Einbruch — Ölpreis 2020 — zeigten überlebende Aristokraten dieselben Krisensignale wie die tatsächlichen Kürzer. Chevron und ExxonMobil erreichten höhere Werte als viele echte Kürzungsfälle: Lücke im Mittelzufluss, zurückgezogene Prognose, gestoppter Rückkauf, negativer Ausblick. Beide zahlten weiter.
Keine Schwelle kann diese beiden aussortieren, ohne echte Kürzer mitzunehmen. Und die Länge der Zahlungsserie hilft nicht: Shell kürzte nach 75 Jahren, Occidental nach 30.
Zwei Schutzsignale sind deshalb nachgerüstet — die Bilanzstärke und die Aussage des Managements zur eigenen Dividende. In der Gegenprobe fallen Chevron und ExxonMobil damit von „Akut“ auf „Beobachten“, während kein einziger echter Kürzer entschärft wird. Diese Verbesserung ist allerdings an derselben Stichprobe geprüft, an der das Problem entdeckt wurde. Sie zählt daher als plausibel, nicht als belegt.
Was wir bewusst nicht getan haben: an den Gewichten drehen, bis eine schönere Zahl herauskommt. Bei 32 Fällen wäre das keine Verbesserung, sondern eine Anpassung an den Zufall.
Eine zweite Grenze verdient denselben Klartext: Der Radar bewertet keine Zukunftsthesen. Ob eine Branche in zehn Jahren noch gebraucht wird oder eine Technologie ein Geschäftsmodell aushöhlt, steht in keiner Bilanz und in keiner Pflichtmeldung, und ein Meinungs-Rating dazu ließe sich weder rückwärts testen noch ehrlich beziffern. Was der Radar sieht, ist die Spur, die solche Entwicklungen hinterlassen, sobald sie wirken: sinkende Deckung, einbrechende Gewinne, eingefrorene Erhöhungen, gesenkte Prognosen, herabgestufte Bonität. Genau aus diesen langsamen Fällen stammt der Vorlauf von im Median 16 Monaten. Ein Titel, dessen Bedrohung noch in keiner Zahl angekommen ist, steht dagegen zu Recht auf „Ruhig" — die Frage, ob man ihn überhaupt besitzen will, beantwortet ein Auswahl-Regelwerk vor dem Kauf, kein Frühwarnsystem danach.
Beide werden regelmäßig verlangt, und beide lassen sich aus dem Testaufbau oben nicht seriös gewinnen.
Fehlalarme je 100 Titel. Dafür bräuchte es einen Jahrgang echter Titel, nicht 32 ausgewählte Fälle. Unsere Kontrollen sind absichtlich die schwierigsten — eine Hochrechnung aus ihnen würde die Fehlalarmquote deutlich überzeichnen.
Mittlerer Vorlauf in Tagen. Der Test hat nur geprüft, ob im Fenster von 6 bis 12 Monaten gewarnt wurde, nicht wie viele Tage vorher.
Der Raster-Rückwärtstest in Abschnitt 3b liefert für beide inzwischen eine historische Näherung (rund ein Fünftel Warnzone, 16 Monate Median-Vorlauf). Der endgültige Beleg bleibt trotzdem der laufende Betrieb — sichtbar, nicht irgendwann. Der Stand wird hier live aus dem Archiv gerechnet:
Betriebszahlen werden geladen …
Solange zu wenige bestätigte Kürzungen vorliegen, stehen dort keine Quoten, sondern der Füllstand. Das ist unbequem — ein Werkzeug, das Geld kosten soll, würde an dieser Stelle lieber eine Zahl zeigen. Nur wäre eine Quote aus drei Fällen keine Messung, sondern Dekoration. Wer vor einer Kaufentscheidung steht, hat hier die ehrlichste Grundlage: Er sieht, wie weit der Beweis gediehen ist.
Die Frühwarnung liest Pflichtveröffentlichungen der US-Börsenaufsicht. Das ist eine hervorragende Quelle: amtlich, vollständig, zeitgestempelt und kostenlos für jeden nachprüfbar. Sie hat aber eine harte Grenze.
Seit dem 04.08.2026 sind deutsche Titel mit abgedeckt— über eine zweite Pflichtquelle. Was in den USA das 8-K ist, ist in Europa die Ad-hoc-Mitteilung nach Artikel 17 der Marktmissbrauchsverordnung: Kursrelevantes, auch Prognosesenkungen und Dividendenbeschlüsse, muss veröffentlicht werden. Diese Meldungen laufen über Verbreiter und sind frei abrufbar; zugeordnet werden sie über die ISIN, nicht über den Firmennamen.
Damit sind 22 der 53 europäischen Katalogtitel überwacht — Allianz, Munich Re, SAP, Siemens, Deutsche Börse, Beiersdorf, Talanx, Hannover Rück, DHL, Infineon und weitere deutsche Emittenten.
Nicht abgedeckt bleiben 31 Titel: Emittenten außerhalb Deutschlands (Nestlé, ASML, Sanofi, Unilever, Novo Nordisk …), deren Pflichtmeldungen über nationale Stellen laufen, sowie vier deutsche Titel, deren Kürzel in den US-Daten eine andere Firma bezeichnet (Merck KGaA gegen Merck & Co, Deutsche Telekom gegen DTE Energy, Nemetschek gegen Newmont, Heidelberg Materials gegen HEICO). Lieber keine Meldung als die einer fremden Firma.
Für die verbliebenen Titel gilt unverändert: Sie sind im Programm als nicht überwacht gekennzeichnet, ihre Warnstufe entsteht allein aus den Kennzahlen. Ein ruhiges „Ruhig“ heißt dort nicht „geprüft und unauffällig“, sondern „nicht geprüft“.
Aus derselben Quelle kommen seit dem 30.07.2026 auch harte Zahlen: die Frage, ob die Dividende aus der laufenden Ertragskraft bezahlt wird oder aus Reserven. Weil diese Ertragskraft je Geschäftsmodell eine andere Größe ist, wird jede Gattung an ihrer eigenen gemessen:
| Geschäftsmodell | gemessen am | ungedeckt ab | knapp ab |
|---|---|---|---|
| Industrie, Konsum, Technologie | freien Mittelzufluss | 100 % | 85 % |
| Immobilien und Pipelines | FFO (NAREIT-Näherung) | 90 % | 80 % |
| Beteiligungsgesellschaften | Nettozinsertrag | 100 % | 90 % |
| Versicherer, Banken, Versorger | Ergebnis, 3-Jahres-Schnitt | 100 % | 85 % |
Ein „ungedeckt“ zählt als volles Warnsignal, ein „knapp“ als halbes. Ist die Basis selbst negativ, während die Dividende weiterläuft, ist das ebenfalls ein volles Signal — so sahen GE 2016, Kraft Heinz 2017 und Boeing 2019 aus. Zu jeder Zahl wird mitgeschrieben, aus welcher Bilanzposition sie stammt.
Eine Dividendenkürzung ist eine Nachricht. Ein Einfrieren ist keine: Kein Unternehmen veröffentlicht, dass es dieses Jahr nicht erhöht. Die alte Rate läuft einfach weiter, und in jedem meldungsgetriebenen Frühwarnsystem bleibt es still — auch in diesem, bis zum 01.08.2026.
Dabei ist es eines der ältesten Warnzeichen überhaupt. Wer 30 Jahre erhöht hat und plötzlich zwei Jahre lang nicht mehr, hat etwas zu verbergen oder zu verdauen. Deshalb kennt unser Regelwerk seit je eine Stillstands-Regel: Ein längerer Stopp gilt als Warnzeichen, ein sehr langer wird behandelt wie eine Kürzung.
Seit dem 01.08.2026 rechnet der Radar das selbst nach. Aus denselben Pflichtdaten, aus denen die Deckungsquoten stammen, liest er die je Quartal gemeldete Dividende je Aktie aus und vergleicht sie. Ergebnis je Titel: wie lange die letzte echte Erhöhung her ist.
Zwei typische Fallen sind dabei entschärft, weil sie im Test zuschlugen: einmalige Sonderzahlungen, die in den Rohdaten wie eine Erhöhung und im Quartal darauf wie eine Kürzung aussehen, und Kalendereffekte, wenn zwei Zahlungen in dieselbe Meldeperiode fallen.
Eine Folge davon ist unbequem und deshalb erwähnenswert: Steht die Erhöhung lange genug still, verliert der Titel den Punkteabzug für seine lange Zahlungsserie. Die Serie mag im Katalog noch stehen — gelaufen ist sie nicht mehr.
Die Grenze der Quelle ist ebenso klar: Nicht jeder Melder gibt seine Dividende je Aktie in den Pflichtdaten an. Wo diese Angabe fehlt oder veraltet ist, sagt der Wächter nichts, statt aus Gesamtbeträgen und Aktienzahlen etwas zu schätzen. Im Programm steht dann keine Zeile zur Erhöhung — kein „alles in Ordnung“.
Was dieses Signal für die Trefferquote bedeutet: nichts. Die Zahlen in Abschnitt 3 stammen aus 32 historischen Fällen, und dort trägt der Wächter praktisch nicht bei — von den 16 Kürzungen hatte am Stichtag nur eine Handvoll überhaupt ein Einfrieren im Rücken. Der Grund ist einfach: Wer kürzt, hat meist bis kurz vorher erhöht. Das Einfrieren ist ein Signal für die andere Sorte Fall — den Titel, der leise erstarrt, statt laut zu fallen.
Die veröffentlichten 57 / 71 / 79 Prozent gelten also unverändert, und sie enthalten diesen Baustein nicht. Ob er sich lohnt, zeigt erst das laufende Archiv. Bis dahin ist er das, was er ist: eine zusätzliche Beobachtung mit offener Herleitung, keine Verbesserung einer Quote.
Ein Wort zur Datenqualität, weil es hier nötig ist. Die Pflichtdaten sind amtlich, aber nicht ordentlich: Einzelne Melder geben ihre Dividende versehentlich um Zehnerpotenzen verschoben an, wechseln zwischen monatlicher und quartalsweiser Angabe oder runden so grob, dass eine Erhöhung von zwei Prozent in der Rundung verschwindet. Beim Prüflauf gegen 46 echte Titel beruhte deshalb zunächst jedes vierte Ergebnis auf einem solchen Artefakt. Der Wächter erkennt diese Muster inzwischen und schweigt, wo die Daten kein Urteil tragen — lieber keine Zahl als eine falsche.
Drei Vorsichtsregeln begrenzen die Aussagekraft bewusst. Stammt eine Quote aus einem breiteren Ersatz-Posten (weil der präzise Investitions-Posten fehlt, etwa bei Ford), zählt sie höchstens als halbes Signal und trägt den Vermerk „Näherung“. Fehlt die Gattungs-Kennzahl ganz, wird ersatzweise das geglättete Ergebnis geprüft — ebenfalls höchstens halb. Und der Verschuldungsgrad warnt nie für sich allein: Er wirkt ausschließlich als Schutzsignal mit halber Stärke, wenn ein Titel deutlich unter dem Median seiner eigenen Branche liegt und zugleich absolut niedrig verschuldet ist — eine feste Schwelle über alle Branchen würde mehr vortäuschen als messen, denn üblich ist bei Industrie etwa 0,5 und bei Versorgern 1,2.
Nach demselben Muster wird seit dem 04.08.2026 die Rendite gemessen. Eine auffällig hohe Rendite ist ein alter Vorbote — nicht weil die Dividende hoch ist, sondern weil der Kurs gefallen ist. Nur: Fünf Prozent sind bei einer Beteiligungsgesellschaft der Normalfall und bei einem Basiskonsum-Titel ein Ausreißer. Gemessen wird deshalb gegen den Median der eigenen Gattung, wobei Hochausschütter (BDCs, Pipelines) eine eigene Vergleichsgruppe bilden — sonst stünde jede von ihnen dauerhaft auf Alarm. Drei Bremsen halten das ehrlich: Das Signal greift erst ab 4 % Rendite (das Doppelte von wenig bleibt wenig), eine Vergleichsgruppe braucht mindestens sechs Titel, und die alten festen Schwellen bleiben als Untergrenze bestehen. Die dritte Bremse hat eine Nebenwirkung, die hierher gehört: In Gattungen mit ohnehin hoher Rendite — Immobilien, Energie, Hochausschütter — liegen die festen Schwellen unter den relativen, dort ändert der Gattungsvergleich also nichts.
Sauberer wäre der Vergleich mit der eigenen Vergangenheit, also ein Fünf-Jahres-Median der Rendite dieses Titels. Dafür braucht es Kurshistorie, und die gibt es nicht zu Bedingungen, die ein Produkt wie dieses nutzen dürfte: Alle geprüften kostenlosen Kursquellen untersagen die kommerzielle Weiterverwendung oder sperren automatisierte Abrufe. Der Quervergleich misst etwas anderes als der Längsvergleich — er ist die ehrlichere Antwort auf dieselbe Frage, nicht ihr Ersatz.
Die acht Gewichte sind fachlich gesetzt, nicht aus Daten gefittet. Kalibriert sind ausschließlich die drei Schwellen. Wenige freie Parameter sind der Grund, warum der Auslassungstest kaum abfällt — sie sind aber auch der Grund, warum die Gewichte bisher unbelegt sind.
Die Rückkopplung dafür läuft seit dem 30.07.2026: Jede Kürzung im Archiv ist ein bestätigter Ausgang, aus dem sich Präzision je Signaltyp, Recall und Vorlauf messen lassen — über alle rund 1.200 überwachten Titel, nicht nur über ein Musterdepot.
Belastbar wird das ab etwa zehn bestätigten Kürzungen. Bis dahin gibt die Auswertung bewusst keine Quoten aus. Eine Trefferquote aus drei Fällen ist eine Zufallszahl.
Änderungen an den Gewichten werden nicht automatisch übernommen. Jede bleibt eine Entscheidung mit Datum und Begründung — sonst wäre die offengelegte Kalibrierung nichts mehr wert.
Der Signal-Archiv-Eintrag zu jeder Warnung trägt Zeitstempel, Quelle und Prüfsumme; die Kette rechnet dein Browser selbst nach. Die Backtest-Zahlen dieser Seite stammen aus zwei Skripten, die im Projekt liegen und sich ohne uns ausführen lassen: harness-oos.mjs für Präzision, Recall und Unschärfe, grundrate.mjs für die Übersetzung auf echte Grundraten.
Verantwortlich für die Warnstufen, die Methodik und alle Texte des Radars ist Johannes Granko, der Betreiber dieser Website (Anschrift im Impressum). Die Warnstufen entstehen algorithmisch nach den Regeln, die diese Seite vollständig offenlegt; die Hintergrund-Analysen im Blog schreibt der Betreiber selbst. Es gibt keine Redaktion dahinter und keinen Analysten-Titel — genau deshalb steht die Methode offen da, damit jeder sie prüfen kann.
Zu den Interessen: Der Ersteller hält Titel aus dem überwachten Bestand im eigenen Depot, und diese Depots sind mit jeder Änderung veröffentlicht. Eine Warnstufe kann also einen Titel treffen, den der Autor selbst besitzt. Ob das die Einstufung je gefärbt hat, lässt sich am verketteten Archiv nachprüfen, das nachträgliche Korrekturen sichtbar machen würde. Von den überwachten Unternehmen fließt kein Geld: keine Vergütung, keine Aufträge, keine Beteiligungen ab meldepflichtiger Größe. Weitere Offenlegungen stehen auf der Transparenz-Seite.
Zum Rhythmus: Der Scanner liest die Pflichtmeldungen zweimal täglich, morgens und abends. Die Bilanz-Kennzahlen werden monatlich neu gerechnet, der Mail-Abgleich für Abonnenten läuft einmal täglich am Morgen. Die Warnstufe selbst entsteht bei jedem Seitenaufruf frisch aus dem letzten Datenstand. Änderungen am Regelwerk tragen ein Datum und stehen in Abschnitt 8 — still nachgezogene Regeln gibt es nicht.
Seit August 2026 zeichnet der Radar zusätzlich jede Stufen-Änderung über den gesamten Titel-Katalog auf, Entwarnungen eingeschlossen. Der Verlauf der letzten zwölf Monate ist je Titel in der Titel-Abfrage auf der Radar-Seite abrufbar, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke. Die Angaben dieses Abschnitts orientieren sich an den Offenlegungspflichten der Marktmissbrauchsverordnung und der Delegierten Verordnung (EU) 2016/958.
Stand 08.08.2026. Analyse-Werkzeug, keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf. Wer aufgrund einer Warnung handelt, entscheidet selbst.